Verkehrsmesstechnik

Messreihe im Bußgeldverfahren: Auswertung und Messfehler

von M.Sc. Caner Aygün, Sachverständiger für Verkehrsmesstechnik

19. Februar 2025 · Aktualisiert: Juni 2026

Auswertung der Messreihe im Bußgeldverfahren mit Histogramm und Falldatensätzen

Die Messreihe umfasst alle Messvorgänge, die ein Verkehrsüberwachungsgerät in einem bestimmten Zeitraum erfasst hat. Weil die meisten Geräte keine Rohmessdaten speichern, ist sie oft die einzige objektive Grundlage, um eine Messung nachträglich technisch zu prüfen. Eine vollständige Auswertung deckt systematische Fehler auf, die im einzelnen Falldatensatz unsichtbar bleiben.

Wie viel sich aus der Messreihe herausziehen lässt, hängt stark vom Messgerät ab. Beim PoliScan FM1 ist sie besonders ergiebig, bei anderen Verfahren dient sie vor allem der Suche nach Auffälligkeiten. Dieser Beitrag erklärt, was die Messreihe ist, was sich je Gerät auswerten lässt, welche Fehler eine Analyse aufdeckt und wie Gerichte die Herausgabe bewerten.

Die Messreihe ist die Gesamtheit aller Messvorgänge eines Geräts innerhalb eines Zeitraums, gespeichert als Folge von Falldatensätzen. Jeder Datensatz enthält Zeitstempel, gemessene Geschwindigkeit, Fahrzeugklasse, Metadaten zur Messstelle und je nach Gerät ein Messfoto.

Ein einzelner Falldatensatz dokumentiert nur den eigenen Vorgang. Die Messreihe dagegen zeigt das Verhalten des Geräts über viele Fahrzeuge hinweg. Sie besteht im Kern aus:

  • Zeitstempel der erfassten Fahrzeuge
  • gemessene Geschwindigkeiten der jeweiligen Fahrzeuge
  • Fahrzeugklassifikation, etwa Pkw oder Lkw
  • Metadaten zur Messstelle samt standort- und verfahrensspezifischer Parameter
  • Erfassungsbilder oder Messfotos, je nach Gerätetyp

Viele moderne Verkehrsüberwachungsgeräte speichern keine Rohmessdaten, sondern übernehmen nur die fertigen Messwerte in die Falldateien. Deshalb ist die Messreihe häufig die einzige Möglichkeit, eine Messung nachträglich technisch zu überprüfen.

Was lässt sich aus der Messreihe je Messgerät auswerten?

Die Ergiebigkeit der Messreihe unterscheidet sich klar nach Gerät. Beim PoliScan FM1 lässt sich am meisten auswerten, und zwar bei der Geschwindigkeit. Beim TraffiStar S350 ist die Auswertung möglich, aber deutlich eingeschränkter. Bei den übrigen Verfahren erfolgt nur eine oberflächliche Prüfung auf Anomalien.

Der Grund liegt in der Datenspeicherung. Geräte wie der PoliScan FM1 speichern keine vollständige Folge von Roh-Laufzeitwerten, sondern nur den berechneten Geschwindigkeitswert und den signierten Falldatensatz. Eine Nachrechnung der Einzelmessung aus Rohdaten ist dadurch nicht möglich. Gerade deshalb verlagert sich das Prüfgewicht auf die Messreihe und die Statistikdatei, denn nur dort werden Aufstellgeometrie, Hindernisfreiheit und stabiler Messbetrieb über viele Fahrzeuge hinweg sichtbar.

MessgerätAuswertbarkeit der MessreiheSchwerpunkt der Auswertung
PoliScan FM1 (Vitronic)umfassend, nur bei GeschwindigkeitAufstellgeometrie, Hindernisfreiheit, statischer Betrieb, Streuung, V85
TraffiStar S350 (Jenoptik)möglich, deutlich weniger als beim FM1Plausibilität und Auffälligkeiten in der Statistik
eso ES 8.0nur oberflächlichAnomalie- und Markersuche
PoliScan Rotlichtnur oberflächlichAnomalie- und Markersuche
TraffiStar S330nur oberflächlichAnomalie- und Markersuche
Gatso GTC-GS 11nur oberflächlichAnomalie- und Markersuche

Bei den oberflächlich auswertbaren Verfahren prüft Verkehrsmesstechnik Nord die Messreihe gezielt auf Anomalien und auffällige Marker in der Statistik. Dazu zählen eine signifikant erhöhte Zahl an Verstößen gegenüber dem normalen Verkehrsaufkommen sowie unplausible Bildpositionen der erfassten Fahrzeuge. Solche Marker sind ein Anlass, die Messung vertieft zu prüfen.

Was prüft die technische Messreihenanalyse?

Die technische Analyse prüft die Stabilität des Geräts, die Verteilung der Fahrzeugpositionen, Hindernisse im Messfeld, die Aufstellung des Geräts sowie die Statistik der Messwerte. Jeder dieser Punkte kann systematische Abweichungen offenlegen, die ein einzelner Falldatensatz nicht zeigt.

Gerätestabilität durch Bildüberlagerung

Eine korrekte Messung setzt voraus, dass Gerät und Kamera während des gesamten Betriebs stabil bleiben. Durch die Überlagerung der Messbilder lässt sich bei nahezu allen Gerätetypen prüfen, ob sich die Position verschoben hat. Erscheinen statische Objekte unscharf oder leicht versetzt, deutet das auf eine Bewegung hin. Mögliche Ursachen sind Bodenabsenkungen, Erschütterungen durch starken Verkehr, ein unbeabsichtigtes Verstellen während der Bedienung oder starke Windböen. Eine solche Verschiebung verändert Erfassungswinkel und Messbereich und erzeugt systematische Abweichungen.

Analyse durch Überlagerung der Messbilder aus der Messreihe

Fahrzeugpositionierung und Streuung der Messwerte

Bestimmte Geräte, darunter der PoliScan FM1, speichern keine exakten Rohmessdaten der Lasermessung. Die Fahrzeugposition lässt sich dann nur aus den Falldatensätzen rekonstruieren. Über den Vergleich der ersten und letzten Messpositionen innerhalb der Messreihe wird die typische Streuung der Erfassungen sichtbar. Auffällig sind unregelmäßige Abweichungen der Positionen, Diskrepanzen zwischen Messwerten und erwarteten Positionen sowie fehlende Erfassungen, die auf Messlücken hinweisen.

Auswertung der Messreihe, Identifikation von Blindstellen (Anomalien)
Auswertung der Messreihe, mit einer typischen Streuung bei korrekter Inbetriebnahme

Hindernisse und Störungen im Messfeld

Physische Hindernisse im Messfeld sind ein häufiger Grund für fehlerhafte Ergebnisse, etwa Verkehrszeichen, Laternenmasten, Vegetation, Baustellen oder Leitplanken. Sie können falsche Messwerte oder Messausfälle verursachen, die erst durch die Analyse der gesamten Messreihe sichtbar werden. In einem von Verkehrsmesstechnik Nord bearbeiteten Fall ließen sich Hindernisse im Messfeld durch den Abgleich der Falldaten mit der Dokumentation der Messbeamten und mit Satellitenbildmaterial präzise lokalisieren. Diese Lokalisierung war nur über die vollständige Messreihe möglich.

PoliScan FM1, Hindernisse im Erfassungbereich – Messreihenauswertung
PoliScan FM1, Hindernisse im Erfassungbereich – Messreihenauswertung
PoliScan FM1, Hindernisse im Erfassungbereich – Messreihenauswertung

Fehlerhafte Aufstellung des Geräts

Eine falsche Positionierung oder Neigung wirkt sich auf alle erfassten Fahrzeuge aus. Typische Fehlerquellen sind ein abweichender Schwenkwinkel, verdeckte Sensoren oder Laserstrahlen sowie eine nicht normgerechte Platzierung mit Messbereichsüberschreitung. Ein falsch ausgerichteter PoliScan FM1 kann Fahrzeuge in einem zu großen oder zu kleinen Bereich erfassen. Die Messreihe macht eine solche Abweichung erkennbar.

Statistikbasierte Plausibilitätskontrolle

Aus der Statistikdatei lassen sich weitere Auffälligkeiten ableiten. Drei Auswertungen sind zentral: der Vergleich der Gesamtzahl erfasster Fahrzeuge mit dem dokumentierten Verkehrsaufkommen, ein Histogramm der Geschwindigkeitsverteilung zur Erkennung von Unregelmäßigkeiten sowie die Berechnung des 85. Perzentils (V85). Das V85 ist die Geschwindigkeit, die 85 Prozent der Fahrzeuge nicht überschreiten. Es zeigt, ob die erfassten Geschwindigkeiten dem erwarteten Verkehrsverhalten entsprechen.

Histogramm aller erfassten Fahrzeuge, Auswertung der Messreihe (PoliScan FM1)

Warum ist die Messreihe für ein Gutachten unverzichtbar?

Die vollständige Messreihe ist die einzige Möglichkeit, systematische Abweichungen und Unregelmäßigkeiten in einer amtlichen Messung zu erkennen. Ohne die vollständigen Falldatensätze bleibt die Prüfung auf den Einzelfall beschränkt, und systematische Fehler bleiben unsichtbar.

Besonders schwierig ist die nachträgliche Kontrolle der Inbetriebnahme. Die Schritte der Gerätekonfiguration, die Positionierung und die Einhaltung der Vorgaben aus der Gebrauchsanweisung sind oft nicht vollständig dokumentiert. Über die Messreihenauswertung lassen sich jedoch Fehler aufdecken, die bei der Betrachtung eines einzelnen Falldatensatzes verborgen bleiben. Eine sachgerechte Überprüfung einer Verkehrsmessung setzt deshalb die Analyse aller erhobenen Daten voraus.

Wie bewerten Behörden und Gerichte die Herausgabe der Messreihe?

Die Rechtslage ist uneinheitlich. Sachverständige und viele Verteidiger sehen die Messreihe als notwendig für eine vollständige Prüfung an. Einige Behörden lehnen die Herausgabe dagegen ab und verweisen auf Datenschutz sowie auf obergerichtliche Entscheidungen, die die messtechnische Relevanz der Messreihe nicht berücksichtigen.

Behörden argumentieren im Kern, die Daten einer Messreihe belegten nur, dass weitere Personen mit demselben Gerät gemessen wurden, und seien für die Beweisführung der einzelnen Messung unerheblich. Zusätzlich werden Belange des Datenschutzes Dritter angeführt. Zur Stützung werden Entscheidungen herangezogen, etwa des OLG Düsseldorf (Beschluss vom 22.07.2015, IV-2 RBs 63/15), des OLG Frankfurt (Beschluss vom 26.08.2016, 2 Ss-OWi 589/16) und des Bayerischen Obersten Landesgerichts (Beschluss vom 04.01.2021, 202 ObOWi 1532/20).

Aus technischer Sicht greift diese Bewertung zu kurz. Die genannten Annahmen blenden aus, dass sich Aufstellgeometrie, Hindernisfreiheit und stabiler Messbetrieb nur über die vollständige Messreihe beurteilen lassen. Wo das Gerät keine Rohdaten speichert, ist die Messreihe die einzige objektive Grundlage für eine technische Bewertung. Eine pauschale Einstufung als unerheblich wird dem nicht gerecht.

Was kann ein Gutachten für Ihren Fall leisten?

Ein verkehrsmesstechnisches Gutachten wertet die Messreihe und die Statistikdatei aus, prüft die Plausibilität der Messung und deckt systematische Fehler auf. Es liefert die belegbare Tatsachengrundlage für die Verteidigung, vom Einzelfall bis zur statistischen Analyse der gesamten Messung.

Sie sind Anwalt oder Anwältin und vertreten einen Mandanten mit dem Vorwurf einer Geschwindigkeitsüberschreitung oder eines unzulässigen Mindestabstands? Oder Sie sind selbst betroffen und möchten wissen, ob die Messung korrekt war? Verkehrsmesstechnik Nord prüft Geschwindigkeits- und Rotlichtmessungen unabhängig und gerichtsfest, bundesweit. Grundlage sind Eichschein, Messprotokoll und der vollständige Falldatensatz samt Messreihe. In der Regel übernimmt die Verkehrsrechtsschutzversicherung die Kosten. Eine Ersteinschätzung der Erfolgsaussichten ist kostenlos.

Häufige Fragen zur Messreihe

Was ist die Messreihe im Bußgeldverfahren?
Die Messreihe ist die Gesamtheit aller Messvorgänge, die ein Verkehrsüberwachungsgerät in einem Zeitraum erfasst hat. Sie besteht aus mehreren Falldatensätzen mit Zeitstempel, Geschwindigkeit, Fahrzeugklasse, Messstellen-Metadaten und je nach Gerät einem Messfoto.
Warum ist die Messreihe für die Überprüfung einer Messung wichtig?
Viele Messgeräte speichern keine Rohmessdaten, sondern nur die fertigen Messwerte. Die Messreihe ist dann die einzige objektive Grundlage, um Aufstellung, Hindernisfreiheit und Gerätestabilität nachträglich zu prüfen und systematische Fehler zu erkennen.
Bei welchem Messgerät lässt sich die Messreihe am besten auswerten?
Am ergiebigsten ist die Messreihe beim PoliScan FM1, dort allerdings nur bei der Geschwindigkeit. Beim TraffiStar S350 ist die Auswertung möglich, aber deutlich eingeschränkter. Bei eso ES 8.0, PoliScan Rotlicht, TraffiStar S330 und Gatso GTC-GS 11 erfolgt nur eine oberflächliche Prüfung auf Anomalien.
Was bedeutet eine unplausible Bildposition in der Messreihe?
Eine unplausible Bildposition liegt vor, wenn ein Fahrzeug an einer Stelle im Erfassungsbereich abgebildet ist, die nicht zum Messverfahren oder zur erwarteten Streuung passt. Solche Auffälligkeiten sind ein Marker für eine vertiefte Prüfung der Messung.
Was ist die Statistikdatei und was sagt das V85 aus?
Die Statistikdatei enthält die statistischen Daten der Messreihe. Das V85 ist die Geschwindigkeit, die 85 Prozent der Fahrzeuge nicht überschreiten. Es zeigt, ob die erfassten Geschwindigkeiten dem erwarteten Verkehrsverhalten an der Messstelle entsprechen.
Habe ich Anspruch auf Herausgabe der Messreihe?
Die Rechtslage ist uneinheitlich. Verteidiger und Sachverständige beantragen die Herausgabe regelmäßig, weil sie für die technische Prüfung relevant ist. Einige Behörden und obergerichtliche Entscheidungen stufen sie dagegen als nicht erforderlich ein. Die Durchsetzung hängt vom Einzelfall ab.
Was passiert, wenn die Behörde die Messreihe nicht herausgibt?
Wird die Messreihe nicht herausgegeben, bleibt die technische Prüfung auf den einzelnen Falldatensatz beschränkt. Systematische Fehler lassen sich dann nicht nachweisen. Die fehlende Herausgabe kann im Verfahren selbst zum Angriffspunkt werden.
Übernimmt die Rechtsschutzversicherung die Auswertung?
In der Regel übernimmt die Verkehrsrechtsschutzversicherung die Kosten eines Gutachtens im Bußgeldverfahren. Verkehrsmesstechnik Nord rechnet in vielen Fällen direkt mit dem Versicherer ab. Eine Ersteinschätzung der Erfolgsaussichten ist kostenlos.

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